Nur der genmanipulierte Hund beißt nicht

Auch ein wesensgetestetes Tier hat Aggressionen / Spezialeinheit spürt Hinterhofzüchter auf / Rassenliste soll bleiben
Von Jutta Rippegather

Von der Regierung befürwortet, von Tierfreunden gerügt: Die hessische Kampfhundeverordnung ermöglicht dem Gesetzgeber zwar, gefährliche Hunde von der Straße zu holen. Doch jede Kommune interpretiert sie anders. Und optimalen Schutz vor beißwütigen Tieren bietet sie auch nicht.

RHEIN-MAIN. Darmstadt, 5. Juli: Ein Staffordshire-Mischling springt eine 77-Jährige an. Sie stürzt, er beißt sie in den Kopf. Die Wesensprüfung hatte der Rüde ohne Beanstandung abgelegt. Drei Monate zuvor in Wiesbaden: Ein "wesensguter" Pitbull greift auf der Straße den kleinen Hund eines 53-Jährigen an. Als der Mann die beiden trennen will, beißt ihn der Pitbull mehrfach in die Genitalien.

Solche Fälle nähren Zweifel am Sinn der für so genannte Kampfhunde obligatorischen Wesensprüfung. "Dass jemand stürzt und der Hund nicht zubeißen darf, kann man nicht testen", sagt Madeleine Martin, Tierschutzbeauftragte der Landesregierung. Und dass ein Mensch, der bei einer Beißerei eingreift, verletzt werden kann, ist unabhängig von der Rasse.
Dennoch: Solche schlimmen Unfälle hätten laut hessischer Kampfhundeverordnung nicht passieren dürfen. Denn diese sieht vor, dass allein sachkundige Menschen einen geprüften Kampfhund ohne Maulkorb führen dürfen - und zwar an der Leine. Der Staffordshire hingegen war auf die 77-Jährige losgestürzt, als die unbedarfte Mutter der Halterin dieser die Haustüre geöffnet hatte. Und der Pitbull war von seiner Halterin allein vor die Tür geschickt worden, "damit der Hund spielen kann", so ein Polizeisprecher.
Ähnlich fahrlässig handelte der Besitzer des wesensgeprüften Pitbulls, der am vergangenen Neujahrstag in Frankfurt-Fechenheim auf einen Terrier auf der anderen Straßenseite losstürzte und ihn tötete. Der 26 Jahre alte Halter hatte die Erlaubnis zum Führen des Tiers erworben; nicht aber dessen Freundin, die den Hund an dem Unglückstag ausführte.
Außerdem, so Tierschutzbeauftragte Martin, garantiert eine bestandene Wesensprüfung keinesfalls, dass ein Hund in Extremsituationen ausflippt. "Es gibt eine natürliche Aggression bei Hunden, egal welcher Rasse." Betritt ein Fremder das Revier, so wird der Hund es verteidigen, egal ob Dackel oder Pitbull. "Wenn das nicht gewollt ist, müssen wir genmanipulierte Hunde haben." Zur Jagd oder als Wächter wären die unbrauchbar.
Nach Martins Auffassung geht Hessen mit seiner Wesensprüfung, die in Alltagssituationen geschehen soll, den richtigen Weg. Weniger befürwortet sie die Rassenliste der Kampfhundeverordnung, die auch die hessische FDP nicht akzeptieren will. Zur Diskriminierung trage zudem bei, dass Kommunen "teilweise willkürlich" die Verordnung interpretieren, sagt Martin. Das führe etwa dazu, dass eine "honorige gesetzestreue Bürgerin, die alle Tests bestanden hat, Probleme mit dem Ordnungsamt hat". Wohingegen Hunde, die Menschen verletzt haben, ohne Auflage auf der Straße herumlaufen dürften. Ein Golden Retriever etwa habe drei Familienmitglieder krankenhausreif gebissen. Und: "Wir haben in Deutschland dramatische Fälle mit Rottweilern gehabt."
Nicht nur gewisse Exemplare des Pitbull oder Staffordshire können zu Kampfmaschinen gemacht werden. Das bestätigt Gerold Günther, Chef der beim hessischen Innenministerium angesiedelten Task Force für gefährliche Hunde, die die illegale Szene aufspüren soll. "Es gibt auch andere Hunde, die gefährlich sind." Aufgabe seiner fünfköpfigen Spezialeinheit sei, die Informationen zusammenzuführen.
Zum Beispiel im Fall eines Hinterhofzüchters in Offenbach, der Tiere "planlos vermehrt hat". Veterinäramt, Polizei, Ordnungsamt - "jeder wusste etwas, nur nichts Genaues". Die Task Force konnten aufgrund dieser Informationen acht Pitbulls aus ihrem Martyrium befreien. Ein Jahr hatten sie kein Tageslicht gesehen. Sie wurden begutachtet "und sind alle noch am Leben", sagt Günther. Wenn das Strafverfahren beendet ist, könne man sie an zuverlässige Menschen vermitteln. Sofern sich Interessenten finden. Einfacher war es, den drei "supersüßen" Welpen ein Heim zu besorgen, die die Task Force unterernährt in einem Ort im Rhein-Main-Gebiet aufspürte. Für ihre zwei Geschwister kam die Hilfe zu spät. Grundlage für derlei Zugriffe bildet die Kampfhundeverordnung. "Sie hat viel Unruhe gebracht, aber auch einiges bewirkt", lautet denn auch das Fazit von Günther. In die gleiche Kerbe haut Peter Freier, Sprecher des hessischen Innenministeriums: "Wir haben jetzt Eingriffsmöglichkeiten, wenn ein Hund nicht gemeldet ist." Die Wesensprüfung biete "eine gewisse Kontrolle" und damit "mehr Sicherheit für den Bürger". Wenn das zunächst auf ein halbes Jahr angelegte Pilotprojekt zum 31. Juli endet, werde die Task Force weiterarbeiten.
Das Ministerium sieht sich auf dem richtigen Weg. Im August soll der Verwaltungsgerichtshofs Kassel über die Klage von Hundehaltern gegen die Verordnung entscheiden. Danach, so Freier, werde das Gesetz eingebracht. Schon jetzt sei klar: "An den Rassenlisten wird festgehalten."

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Dokument erstellt am 26.07.2001 um 00:00:43 Uhr
Erscheinungsdatum 26.07.2001


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