Felix und der 90-Minuten-Test

25.11.2000 Zeitungsbericht Offenbach Post

Endstation Zwinger: Kampfhund mit übersteigerter Aggression.
Von unserem Redaktionsmitglied Michael E s c h e n a u e r

Frankfurt
Die Kreatur - ob Mensch oder Tier - reagiert gemeinhin unterschiedlich auf Prüfungssituationen. Felix hat da überhaupt kein Problem: Der fast 40 Kilo schwere Pitbull-Mischling mit dem strahlend weißen Fell und dem furchterregenden Raubtier-Gebiss zieht sein zierliches Frauchen Sonja Kober aus Bad Homburg ungestüm quer über die Straße, schnüffelt mal hier, pinkelt mal dort, den Kopf permanent in neugieriger Bewegung. Der stämmige Rüde mit den Dalmatiner-Flecken an den Ohren ist blendender Laune und beschnüffelt schwanzwedelnd die Hosenbeine von Gerald Groos. Das Kraftpaket ahnt nicht, dass es die wichtigsten 90 Minuten seines Lebens vor sich hat. Führt der Hund sich gut auf, kann er künftig ohne Maulkorb spazieren gehen. Zeigt er gesteigerte Aggressivität, muss er den Test wiederholen. Und falls er als hoffnungsloser Fall eingestuft wird, droht ihm der Zwinger im Tierheim und in letzter Konsequenz die Einschläferungsspritze.

Seit dem 26. Juni, als in Hamburg der sechsjährige Volkan von einem Kampfhund zerrissen wurde und sich in den Wochen danach blutige Zwischenfälle häuften, weht den Liebhabern von Pitbull, American Staffordshire, Bullterrier und anderen ein rauerer Wind ins Gesicht: Die Besitzer von 15 Rassen, die als potenziell gefährlich gelten, müssen unter anderem eine Sachkundeprüfung bestehen und die Ungefährlichkeit ihres Begleiters mit einem Wesenstest nachweisen. Bisher, so Michael Bußer, Sprecher des Innenministeriums, wurden in Hessen 6200 Kampfhunde bei den Ordnungsämtern gemeldet. 2200 haben den Test bereits abgeschlossen - 175 fielen durch. 64 von 100 sichergestellten Tieren wurden eingeschläfert. Bußer rechnet damit, dass in Hessen bis Anfang kommenden Jahres ein spezielles Gesetz die Kampfhunde-Eilverordnung ersetzen wird. Einstweilen sind 38 Gutachter mit der Überprüfung der behördlich gemeldeten Kampfhunde beauftragt. Der Frankfurter Gerald Groos ist einer von ihnen. Der 41-jährige Abrichtelehrer für Diensthunde an der Hessischen Polizeischule hat in diesem Jahr fast 170 Hunde der als potenziell gefährlich geltenden Rassen getestet. Ein Zehntel stellte sich als verhaltensgestörte Risikotiere heraus.

Wird auch der lustige Felix dazugehören?
"Es geht nicht darum, dass sich der Hund alles gefallen lässt. Aber er muss der Situation gemäß reagieren", gibt Groos die Grundrichtung des Tests vor. Hundehalter seien oft zu langmütig bei der Erziehung der Tiere. Gehorsam sei bei kleinen Hunden wichtig, bei großen und starken Tieren unverzichtbar. Der Ort ist unspektakulär: ein Kleingartengelände zwischen Stadtwald und Oberrad. Hier, wo Groos selbst mehrere Schäferhunde hält, werden Situationen des täglichen (Hunde)Lebens nachgestellt. Auf einem Multiple-Choice-Formular hält der Tester jede einzelne Reaktion der Probanten fest. Felix schlägt sich gut: Die Begrüßung war freundlich-interessiert, der kurze Spaziergang zu dem eingezäunten Gelände mit Begegnungen von anderen Hunden, Passanten und Joggern brachte keine Ausraster. "Das Tier darf anderen Personen oder Hunden ruhig signalisieren, wenn es kein Beschnüffeln oder Streicheln wünscht - das ist sein gutes Recht", sagt Groos. Unbegründete Aggression oder eine Unfähigkeit, sich anschließend zu beruhigen, können jedoch das Prüfungsergebnis unrettbar verhunzen. Felix ist unterdessen mitten in der Prüfung: Frauchen wurde außer Sichtweite dirigiert, während ihr Beschützer auf einsamen Waldspaziergängen an einem Obstbaum angekettet ist. Groos lockt den winselnden Hund, trabt direkt an ihm vorbei, geht auf ihn zu, rennt, hebt auch mal die Hand drohend und schlägt leicht mit der Prüfungskladde nach dem Tier, ohne es zu berühren. Jede Reaktion vom Aufstellen der Nackenhaare über die geduckte Haltung bis zum Anlegen der Ohren oder der Haltung der Rute wird protokolliert. Felix verhält sich unsicher und neugierig. Schwanzwedelnd verfolgt er das rätselhafte Treiben. Bei der Drohgebärde bellt er los und zeigt die Zähne. Dies ist erlaubt. "Die wehrhafte Reaktion ist normal", sagt Groos. Felix hat sich schon wieder beruhigt und beschnüffelt schwanzwedelnd das Schlaginstrument. Auch beim "Begegnungsverkehr" mit Jimmy und Sally, den beiden Schäferhunden, die in den angrenzenden Zwingern untergebracht sind, bleibt Felix gut gelaunt und kontaktfreudig. Doch plötzlich - die Prüfung ist so gut wie gelaufen - reißt sich der Pitbull los, schießt zu Jimmy und besteigt ihn. Dieser bleibt bis auf ein drohendes Grollen cool, nicht jedoch sein Herrschen. "Ja da müssen Sie schon schneller reagieren", raunzt er die vor Schreck zur Salzsäule erstarrte Frau Kober an. Es folgt die Strafpredigt: "Das Tier hat keine gesteigerte Aggression, aber auch keinerlei Erziehung." "Der Hund", so Groos' Urteil, "macht mit Ihnen, was er will, und sie sind kaum in der Lage, das Tier zu halten." Die leicht fassungslose Frau schluckt, versucht ein "aber" einzuwerfen, schweigt schließlich. Ihre Auflage: Hundeschule wiederholen, bei der Sachkundeprüfung wird auf den Gehorsam von Felix besonders geachtet werden. Kein schlechtes Ergebnis. Bis zum nächsten Test hat Groos Zeit, sich über die Gesetze im Bereich Kampfhunde aufzuregen. "Es gibt keine genetische Disposition, die ein Verbot bestimmter Rassen rechtfertigen würde", ist er sich sicher. Zum Beispiel sei in den USA der hierzulande gefürchtete American Staffordshire Terrier ein beliebter Familienhund. "Wir haben in Deutschland kein Kampfhundeproblem, sondern ein Mischlings- und Erziehungsproblem." Die meisten der gefährlichen Kampfhunde seien unkontrolliert gezüchtete Promenadenmischungen. Eine kontrollierte Zucht nach den Vorschriften des Verbandes für das Deutsche Hundewesen - und damit verbunden der Verzicht auf das Paaren verhaltensauffälliger Tiere - bringe eine Verbesserung der Sicherheit ebenso wie die Schulung von Tier und Halter. Hier, so die Forderungen des Hundeexperten, müssten bestehende Vorschriften ausgenutzt, beziehungsweise neue Regeln erlassen werden. "Das Kampfhunde-Verbot rollt die Sache von der falschen Seite auf", so Groos. Der Zuhälter, der mit seiner Kampfmaschine angebe, sei damit ebenso wenig zu treffen wie die Jugendgang mit ihrem Beißer. "Getroffen werden die braven Bürger, während die gefährlichen Kaliber weiter die Straßen unsicher machen." Schwere Vorwürfe richtet Groos an das Frankfurter Ordnungsamt. So würden rund 90 Zwischenfälle mit Hunden pro Jahr in der Stadt bekannt, aber die Behörden hätten in den vergangenen drei Jahren lediglich sieben Hunde zum Begutachten geschickt. "Hier ist bisher geschlafen worden. Hamburg hätte auch hier sein können", ist sich Groos sicher. Bullterrier-Mischling Buddy aus Dietesheim mit grauer Schnauze und 14 Jahren auf dem Buckel ist der Nächste. Er hat beileibe kein Hamburger Kaliber: Nach einer Stunde des Lockens, Rennens, Drohens und dem gleichbleibend freundlichen, wenn auch etwas verwirrten Schwanzwedeln des Methusalems entfährt dem wackeren Hundetester die Bemerkung: "Entweder hat er supergute Nerven, oder er sieht mich gar nicht."


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